Therapieprogramm
Die 5 Therapiebausteine in unserem mehrgleisigen Therapieprogramm:
1. Medizinisches Monitoring Das medizinische Monitoring brauchen wir zur Bestandsaufnahme der medizinischen Folgen des Hungerns und weiterer essgestörter Verhaltensweisen (selbstinduziertes Erbrechen, Abführmittelmissbrauch oder anderer Medikamentenkonsum, gestörtes Trink- und Bewegungsverhalten). Wir brauchen es nicht zum Erkennen einer Magersucht oder Bulimie. Diese Diagnosen werden im Expertengespräch mit den Betroffenen gestellt; bei seltenen Unklarheiten können auch spezielle Essstörungsfragebögen eingesetzt werden. Das medizinische Monitoring ist aber in der Überwachung im Behandlungsverlauf und zur Behandlungskontrolle während der Wiederernährung und Symptomaufgabe oder bei Rückfällen notwendig. Dazu zählt auch unsere medizinische Überwachungseinheit mit 4 Plätzen und unser Überwachungswohnzimmer, einsehbar vom Schwesternzimmer.
2. Ess-Psycho-Therapie
Wir verstehen darunter unsere Essplan gestützte (Wieder)ernährung, die anhand von Kalorien und Makronährstoff (KH-Fett-Eiweißanteil) und z.Z. auch Mikronährstoff (Phosphat, Calcium, u.a.) definiert ist. Wir achten dabei auf die Zusammensetzung jeder einzelnen Mahlzeit und besonders auf eine darmgesunde Ernährung (Betonung von Sauermilchprodukten, Gemüse, diversen Ölsaaten/Nüssen und Oliven im Essplan), letztere auch zum Erreichen des notwendigen erhöhten Fettanteils der Mahlzeiten beim Zunehmen. Wir beginnen in der Wiederernährung von Anorexia nervosa Patientinnen/Patienten mit 50 kcal pro kg Körpergewicht mit einem Fettanteil von 40 % und erhöhen mit 200 kcal an den Wiegetagen, wenn der Gewichtsverlauf dies erfordert und fördern eine wöchentliche Gewichtszunahme von mindestens 500 g bis 1500 g. Unsere Form der Wiederernährung ist individuell, da das Essen für jeden einzelnen körpergewichtsbezogen berechnet und von geschultem Personal portioniert wird (anfänglicher Tellerservice) oder später nach dem Essplan selbst portioniert werden darf (beim Frühstück und Abendessen). Dabei wird anfänglich oder bei Bedarf auch im späteren Verlauf der selbst portionierte Teller bei den Ernährungsfachkräften vorgezeigt und zu wenig oder seltener zu viel Portioniertes sofort korrigiert.
Wir arbeiten in unserer Klinik magensondenfrei und definieren "Essen als Medizin" auf dem Boden einer therapeutischen Grundhaltung, hundertprozentiges Aufessen durchzusetzen (oder ggfs in niedrigen Gewichtsbereichen durch hochkalorische Flüssignahrung auszugleichen). Da es kein körperliches Problem gibt, das das normale Essen unmöglich macht, wollen wir es auch nicht mit körperlich eingreifenden Methoden durchführen.
Da Patientinnen/Patienten im Hungerzustand nicht mehr wissen, wie sie sich ernähren sollen, obwohl oder gerade weil sie hochkompliziert mit dem Thema Ernährung beschäftigt sind, brauchen sie Vorgaben in der Wiederernährung so wie jeder auch aus anderen Gründen Hungernde:
Im einzelnen ist das ein Stufenplan (Einteilung der Patientinnen/Patienten in Stufe I - IV nach dem BMI mit dem Regelwerk der Klinik), das ausführliche Aufnahme- und Entlassungsgespräch, der Essplan, das betreute Essen mit vorportioniertem Tellerservice, Einzeltermine zur Essplangestaltung, die Mittagsessstörungsgruppe I und II, das Portionstraining, Lehrkücheneinheiten (auch zur Vorstellung/Einführung in das Esspsychotherapieprogramm)
Bei den von einer Bulimie Betroffenen mit einem Gewicht im Normalgewichtsbereich beginnen wir den Essplan mit 1800 kcal und einem Fettanteil um 40%. Auf dieser Ernährungsbasis kann dann die bulimische Symptomaufgabe ganz im Vordergrund stehen, ohne die eine Gewichtsstabilisierung im Normalgewichtsbereich - oder auch eine kontrollierte Gewichtsabnahme - nicht möglich ist. Durch eine bulimische Symptomatik kommt es zu Elektrolytverlusten und damit über hormonelle Faktoren zu Störungen im Flüssigkeitshaushalt des Körpers mit z.T. erheblichen Gewichtsschwankungen (wir kontrollieren das durch BIA-Messungen, um den Betroffenen den erhöhten Wasseranteil im Körper zu zeigen und sie zu beruhigen). Bei bulimischen Patientinnen/Patienten müssen wir zudem zur Steuerung des Therapieprozesses erfassen, wie die Betroffenen selbst ihre Gründe für das Ausleben der Symptomatik einschätzen: wieviel Prozent macht davon die Gewichtsregulation aus, steht diese ganz im Vordergrund oder ist es mehr die Stress- und Anspannungsregulation, wegen der die Symptomatik gelebt wird oder verteilt sich das 50:50?
3. Störungsspezifische Psychotherapie
Der Psychotherapieprozess findet bei uns in alters- und symptomhomogenen Gruppen (B1 - B7, nur Anorexien und Bulimien) statt, wobei unsere jüngsten Patientinnen/Patienten (< 15 Jahre) in der Gruppe B1 zusammengefasst sind, die nächstälteren in der B2 usw. und die ältesten Essstörungspatientinnen/Patienten (> 30 Jahre) in der B7. Wir sorgen damit dafür, dass typische altersbezogene Problemfelder mit im Mittelpunkt des therapeutischen Geschehens stehen und wirken von Anfang an dem belastenden Eindruck der Betroffenen anders zu sein als die anderen, sich nicht zugehörig fühlen und einsam sein, entgegen.
Im spezifischen Psychotherapieprozess geht es um das "gemeinsame Begreifen lernen wofür die Essstörung steht".
Themen im spezifisch auf die Thematik Essstörungen zugeschnittenen Therapieprozess sind:
- eine gesunde Selbstfürsorge lernen, anstatt übertrieben auf das zu achten, was die anderen wohl (vermeintlich) erwarten; ungünstiges Vergleichen/Abwärtsvergleiche mit anderen einstellen und erkennen, dass das aus einem zu Detail genauen hinsehen entspringt: Dinge wie durch ein Vergrößerungsglas sehen und damit viel zu groß/zu wichtig/ zu ängstigend wahrnehmen; sich besser selbst behaupten und gesund aggressiv für sich einstehen lernen
- übertriebenes Leistungs- und Perfektionismus Streben an der Realität abgleichen lernen; gesunde Tagesstruktur aufbauen, in der Anstrengendes durch Angenehmes unterbrochen wird; herausfinden wie man sich am besten entspannt und erholt; mehr am "Normaltypischen" orientieren - den zu sehr am Detail fokussierten Denkstil erkennen mit seiner übertriebenen Orientierung an Genauigkeit, Ordnung, Zahlen und Routinen und ihn auflockern/die Vergrößerung zurückdrehen lernen; das Denken und infolge Verhalten dadurch flexibler machen und insgesamt "auf einer breiteren Bühne unterwegs sein"
- Ich-stärkende Interventionen und emotionales Gehalten werden bekommen, um sich selbst besser aushalten zu lernen
- Aufmerksamkeit vermehrt auf altersentsprechende Interessen lenken lernen, damit auch Nachholen verpasster Entwicklungsschritte - Lebenslinie erstellen in Bezug zur Entwicklung der Essstörung: damit Hilfen bekommen im Begreifen warum ich die die Essstörung bekommen habe und auch aufrechterhalte
Begleitet wird der Gruppenpsychotherapieprozess von Einzelpsychotherapie, Kunst- und Körper(bild)therapie, familienbasierter Therapie, Entspannungstherapie, bei Bedarf Skillstraining, CRT (cognitive Remediationstherapie zur Flexibilisierung im Denken), soziales Kompetenztraining und Einzelcoaching, Physio- und Bewegungstherapie/Boxsacktraining (letztere im Normalgewichtsbereich).
4. Unterstützungssystem
Als vierten Therapiebaustein heben wir das wichtige Unterstützungssystem essgestörter Mitpatientinnen/Mitpatienten hervor, die als ebenfalls Betroffene das Spezielle einer Essstörungserkrankung sehr gut verstehen. Dass die stationäre soziale Peergroup unterstützend in der Überwindung der Erkrankung sein kann und essgestörtes Verhalten nicht antreibt, braucht es therapeutisches Einmischen in soziale Belastungssituationen und dazu eignet sich besonders unser gruppentherapeutischer Rahmen.
5. Organisation der nachstationären Weiterversorgung
Dies ist ein so wichtiger Therapiebaustein geworden, dass wir ihn eigens nennen und unsere Sozialarbeiterin schon früh in die Organisation der nachstationären Weiterversorgung einbinden. Da für die Betroffenen typischerweise das normale Leben mit den Anforderungen der entsprechenden Altersgruppe überfordernd ist, brauchen sie über den stationären Aufenthalt hinaus weitere Hilfestellungen, um die häufigen Rückfälle in die Essstörung zu reduzieren oder auch ganz zu vermeiden. Hilde Bruch, eine der bekanntesten Essstörungstherapeutinnen, hat es als ein "alles durchdringendes Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit" bezeichnet, wie Menschen mit Essstörungen sich erleben und sich deswegen so zu wenig zurechtfinden in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Sie suchen ihren Ausweg mit ihren Mitteln im Verbessern ihres Körpers. Eine einmal wöchentlich stattfindende ambulante Psychotherapie sollten alle Patientinnen/Patienten schon bei Entlassung organisiert haben mit einem dann schon feststehenden Termin. Wir bieten wöchentliche Rückmeldungen des Gewichts an unsere Ernährungsfachkräfte an, die dann auch bei Änderungswünschen des Essplans angesprochen werden sollen. Auch stehen wir Therapeuten weiter für Rückfragen (auch via Videokonferenzen) zur Verfügung. Stationäre Wiederaufnahmen sollten kurzfristig erfolgen, wenn das Gewicht rückläufig ist oder eine anderweitige essgestörte Symptomatik wieder auftritt, um einen schwereren Rückfall und dann wieder längeren stationären Aufenthalt zu vermeiden. Auch der Übergang in eine betreute Wohneinrichtung für Essstörungen kann eine intensive und wichtige Phase in einem Gesamttherapieplan sein, wenn die Essstörung zuhause immer wieder auftritt. Bei den dazu notwendigen Antragsverfahren bei den Jugend- und Sozialämtern hilft unser Sozialdienst.